In der goldenen Savanne, wo die Sonne warm vom Himmel schien, lebte ein kleiner Löwe namens Karu. Karu bewunderte seinen Papa über alles. Besonders dessen mächtiges Brüllen. Wenn Papa Löwe brüllte, hallte es über die ganze Savanne, und alle Tiere wussten: Hier ist der König. Karu wünschte sich nichts sehnlicher, als auch einmal so laut und stolz zu brüllen.
Eines Morgens beschloss Karu, es zu versuchen. Er stellte sich auf einen kleinen Hügel, holte tief Luft, riss das Maul weit auf und – „Miep!“ Ein winziges, piepsiges Geräusch kam heraus, kaum lauter als das Fiepen einer Maus. Karu erschrak. „Das war ja gar kein Brüllen“, sagte er enttäuscht. „Das war nur ein Piepsen.“
In der Nähe grasten ein paar junge Gazellen, die leise kicherten. Karu wurde ganz rot vor Scham und verkroch sich ins hohe Gras. „Ich werde nie richtig brüllen können“, dachte er traurig. „Ich bin ein Löwe, der nur piepsen kann.“ Mit hängendem Kopf trottete er nach Hause zu seinem Papa.
„Was ist denn los, mein Sohn?“, fragte Papa Löwe, als er Karus trauriges Gesicht sah. „Ich wollte brüllen wie du“, schniefte Karu. „Aber es kam nur ein Piepsen heraus. Alle haben gelacht.“ Papa legte sanft seine große Pranke um den Kleinen. „Ach, Karu“, sagte er liebevoll. „Weißt du, wie alt ich war, als ich zum ersten Mal richtig brüllen konnte? Viel älter als du. Auch ich habe als Kleiner nur gepiepst.“
Karu schaute überrascht auf. „Du? Aber du brüllst doch so laut!“ Papa lächelte. „Jetzt. Aber das kam nicht von allein. Ein lautes Brüllen braucht Zeit zum Wachsen, genau wie deine Mähne. Du bist noch klein, und deine Stimme ist auch noch klein. Sie wird mit dir mitwachsen. Bis dahin musst du nur ein bisschen Geduld mit dir haben.“
„Aber kann ich denn gar nichts tun?“, fragte Karu. „Doch“, sagte Papa. „Du kannst üben. Nicht, um gleich der Lauteste zu sein, sondern um deine eigene Stimme zu finden. Hol die Luft ganz tief aus deinem Bauch, nicht nur aus dem Hals. Stell dir vor, dein Brüllen kommt aus deinem mutigen Herzen.“ Karu nickte und probierte es gleich aus.
Er stellte sich aufrecht hin, holte tief Luft aus dem Bauch, dachte an sein mutiges Herz und ließ einen Laut heraus. Diesmal war es kein Piepsen mehr, sondern ein richtiges, kleines „Roar!“ Es war noch nicht laut wie Papas Brüllen, aber es war ein echtes Löwengeräusch. „Ich hab gebrüllt!“, rief Karu freudig. „Hast du das gehört, Papa?“ „Das habe ich“, sagte Papa stolz. „Und es war wunderbar.“
Von da an übte Karu jeden Tag ein bisschen, ganz ohne Eile und ohne sich mit den anderen zu vergleichen. Sein Brüllen wurde Woche für Woche ein kleines Stückchen kräftiger. Und das Wichtigste: Er schämte sich nicht mehr. Er wusste jetzt, dass seine Stimme einfach noch wachsen musste, genau wie er selbst.
Am Abend, als die Sonne rot über der Savanne unterging, kuschelte sich Karu stolz an seinen Papa. „Eines Tages brülle ich so laut wie du“, sagte er verschlafen. „Ganz bestimmt“, schnurrte Papa. „Und bis dahin ist dein kleines Brüllen genau richtig.“ Die Sterne kamen über der Savanne hervor, ein warmer Wind strich durchs Gras, und zufrieden und geduldig mit sich selbst schlief der kleine Löwe Karu ein. Schlaf gut, Karu. Gute Nacht.
