In einer alten Bibliothek, ganz hinten im höchsten Bücherregal, wohnte ein kleiner Geist namens Fussel. Fussel war kein gruseliger Geist – im Gegenteil, er war schüchtern und sanft und liebte Bücher über alles. Nachts, wenn niemand da war, schwebte er aus seinem Versteck und las heimlich in den schönsten Geschichten.
Doch Fussel war ein bisschen einsam. Tagsüber versteckte er sich, weil er Angst hatte, die Menschen zu erschrecken. „Geister erschrecken Menschen nun mal“, dachte er traurig, „auch wenn ich das gar nicht will. Darum bleibe ich lieber versteckt.“ Und so hatte der kleine Geist niemanden, mit dem er seine geliebten Geschichten teilen konnte.
Eines Abends, kurz vor Schließung, kam ein kleines Mädchen namens Ida in die Bibliothek. Sie suchte ein ganz bestimmtes Buch, das ganz oben im höchsten Regal stand – genau dort, wo Fussel wohnte. Als sie auf die Leiter kletterte, entdeckte sie den kleinen Geist, der sich erschrocken hinter den Büchern versteckte.
„Oh!“, machte Ida. „Ein Geist!“ Fussel zitterte. „B-bitte hab keine Angst“, flüsterte er. „Ich tu dir nichts. Ich verstecke mich nur, weil ich niemanden erschrecken will.“ Ida schaute ihn neugierig an. Der kleine Geist sah gar nicht gruselig aus, sondern eher schüchtern und freundlich. „Ich habe keine Angst“, sagte sie. „Was machst du denn hier oben?“
„Ich lese“, gestand Fussel verlegen. „Ich liebe Geschichten über alles. Nachts lese ich heimlich alle Bücher.“ Idas Augen leuchteten. „Ich liebe Geschichten auch!“, rief sie. „Welche ist denn deine Lieblingsgeschichte?“ Und schon begannen die beiden, sich über ihre liebsten Bücher zu unterhalten, und Fussels Schüchternheit schmolz dahin.
Von da an besuchte Ida den kleinen Geist jeden Abend in der Bibliothek. Gemeinsam lasen sie die schönsten Geschichten, Fussel zeigte ihr versteckte Bücher in den hintersten Regalen, und Ida erzählte ihm von der Welt draußen. Sie wurden die allerbesten Freunde, und Fussel war nie wieder einsam.
„Weißt du“, sagte Ida eines Abends, „du bist gar kein gruseliger Geist. Du bist der netteste Bücherfreund, den man sich wünschen kann.“ Fussel strahlte – so glücklich war er noch nie gewesen. Er hatte gelernt, dass er sich nicht verstecken musste, sondern dass es jemanden gab, der ihn genau so mochte, wie er war.
Am Ende eines schönen Abends, nach vielen Geschichten, verabschiedete sich Ida. „Bis morgen, Fussel.“ „Bis morgen, Ida“, flüsterte der kleine Geist glücklich und schwebte zurück in sein gemütliches Bücherregal. Eingekuschelt zwischen seinen geliebten Büchern schlummerte Fussel zufrieden ein. Gute Nacht, kleiner Fussel.
