In einem alten Schloss auf dem Hügel wohnte eine ganze Familie von Geistern. Geister, so gehörte es sich, mussten nachts durch die Gänge schweben und „Huuuh!“ rufen, um die Leute zu erschrecken. Doch der kleinste Geist, Hu, mochte das gar nicht. „Ich will niemanden erschrecken“, sagte er leise. „Ich möchte lieber Freunde finden.“
„Was bist du nur für ein Geist?“, seufzten seine Geistereltern. „Ein Geist muss gruseln, das ist nun mal so!“ Hu versuchte es. Er schwebte durch die Gänge und rief „Huuuh!“ – doch es klang so freundlich und sanft, dass niemand auch nur ein bisschen erschrak. Hu wurde traurig. „Ich bin wohl ein Versager als Geist.“
Eines Nachts kam ein kleines Mädchen ins Schloss. Es hatte sich verlaufen und suchte Schutz vor einem Gewitter. Die großen Geister wollten sofort losgruseln, doch Hu sah, wie verängstigt und durchnässt das Mädchen war. „Nein“, dachte Hu. „Sie hat schon genug Angst. Ich will ihr helfen, nicht sie erschrecken.“
Ganz sanft schwebte Hu zu dem Mädchen. „Hab keine Angst“, flüsterte er freundlich. „Ich tu dir nichts. Komm, ich zeige dir einen warmen, trockenen Platz.“ Das Mädchen staunte. „Ein freundlicher Geist?“ Hu nickte. „Ich bin Hu. Ich grusele nicht gern. Ich habe lieber Freunde.“ Das Mädchen lächelte erleichtert.
Hu führte das Mädchen zu einem gemütlichen Kaminzimmer, zauberte mit einem Pusten ein warmes Feuer herbei und brachte ihr eine weiche Decke. Sie wärmte sich, und bald hörte das Gewitter auf. „Danke, lieber Hu“, sagte das Mädchen. „Du bist der netteste Geist, den ich mir vorstellen kann. Wollen wir Freunde sein?“ Hu strahlte – so glücklich war er noch nie gewesen.
Die großen Geister hatten alles beobachtet und waren ganz verwundert. „Du hast dem Mädchen geholfen, statt es zu erschrecken“, sagte Hus Mutter. „Und schau – es hat dich als Freund gewonnen. So etwas haben wir mit unserem Gegrusel nie geschafft.“ Zum ersten Mal waren die Geister stolz auf den kleinen Hu.
Von da an durfte Hu so sein, wie er war. Statt zu gruseln, half er verirrten Wanderern, tröstete ängstliche Tiere und brachte Licht in die dunklen Schlossgänge. Und das kleine Mädchen kam ihn oft besuchen, sodass aus ihnen die besten Freunde wurden.
Am Ende einer schönen Nacht schwebte Hu zufrieden in sein gemütliches Türmchen. „Ich muss niemanden erschrecken, um ein guter Geist zu sein“, dachte er glücklich. „Freundlich sein ist viel schöner.“ Sanft ließ er sich in seine weiche Wolke aus Nebel sinken und schlummerte zufrieden ein. Gute Nacht, kleiner Hu.
