Hoch in den Schluchten des Nebelgebirges lebte ein kleiner Drache namens Kano. Seine Schuppen glänzten grün wie junges Moos, und seine Flügel waren noch nicht ganz ausgewachsen. Kano träumte davon, ein großer, mutiger Drache zu werden – einer, von dem man Geschichten erzählt.
Eines Abends versammelten sich die Drachen am Feuer. Der alte Drachenälteste sprach mit ernster Stimme: „In der Schwarzen Höhle am Ende des Tales soll ein Ungeheuer hausen. Niemand traut sich hinein. Wer ist mutig genug, nachzusehen, ob unsere Höhlen sicher sind?“ Alle schwiegen. Da hob Kano zaghaft die Pfote. „Ich gehe“, sagte er, obwohl sein Herz wild klopfte.
Die anderen Drachen staunten. „Du? Du bist doch noch so klein!“ Doch Kano ließ sich nicht beirren. Am nächsten Morgen machte er sich auf den weiten Weg zum Ende des Tales. Mit jedem Schritt wurde der Nebel dichter, und je näher er der Schwarzen Höhle kam, desto lauter pochte sein Herz.
Vor dem dunklen Höhleneingang blieb Kano stehen. Aus dem Inneren drang ein seltsames Geräusch – ein tiefes, klagendes Schluchzen. „Das Ungeheuer“, dachte Kano, und seine Knie zitterten. Am liebsten wäre er umgekehrt und davongelaufen. Doch dann hielt er inne. Klang das Schluchzen nicht eher … traurig als gefährlich?
Kano holte tief Luft. Mit einem winzigen Flämmchen, das er aus seinem Maul blies, leuchtete er in die Dunkelheit. Und was er sah, war kein furchterregendes Ungeheuer. Es war ein junger Greif, kaum größer als Kano selbst, der sich mit dem Flügel in einer Felsspalte verfangen hatte und sich nicht befreien konnte.
„Bitte tu mir nichts“, wimmerte der Greif. „Ich stecke hier schon seit zwei Tagen fest, und alle haben Angst vor mir und laufen weg.“ Kano spürte, wie sein eigenes Zittern verschwand. Hier war niemand, der ihm etwas tun wollte – hier war jemand, der Hilfe brauchte. „Keine Sorge“, sagte Kano sanft. „Ich helfe dir.“
Vorsichtig, mit all seiner Kraft, schob Kano den schweren Stein zur Seite, der den Flügel des Greifs einklemmte. Es war nicht leicht, und mehr als einmal rutschte er ab. Doch Kano gab nicht auf. Endlich, mit einem letzten kräftigen Ruck, war der Greif frei. „Du hast mich gerettet!“, rief der Greif überglücklich.
Gemeinsam traten sie hinaus ans Tageslicht. Der Greif breitete dankbar seine Flügel aus. „Ich heiße Fyn“, sagte er. „Und du bist der mutigste, den ich kenne.“ Kano wurde ganz verlegen. „Ich hatte selbst große Angst“, gab er zu. „Aber ich bin trotzdem hineingegangen. Und dann war alles ganz anders, als alle dachten.“
Als Kano mit Fyn ins Drachental zurückkehrte, konnten die anderen Drachen es kaum glauben. Kein Ungeheuer hatte in der Höhle gehaust, sondern ein einsamer Greif, der einen Freund gefunden hatte. Der Drachenälteste nickte Kano anerkennend zu. „Du hast verstanden, was Mut wirklich ist“, sagte er. „Nicht, keine Angst zu haben. Sondern hinzusehen, wo andere nur weglaufen.“
An diesem Abend feierten die Drachen ein großes Fest, und Kano saß mittendrin, mit seinem neuen Freund Fyn an der Seite. Später, als die Sterne über dem Nebelgebirge funkelten, kuschelte sich Kano müde an einen warmen Stein. Er war nicht größer geworden an diesem Tag – aber in seinem Herzen fühlte er sich wie ein richtiger, großer Drache. Zufrieden schloss er die Augen. Schlaf gut, tapferer Kano.
