Der kleine Igel Piko war sehr schüchtern und ängstlich. Bei der kleinsten Überraschung rollte er sich sofort zu einer festen Kugel zusammen und blieb so liegen, bis die vermeintliche Gefahr vorbei war. Ein raschelndes Blatt, ein vorbeiflatternder Schmetterling, ein lautes Geräusch – schon kugelte sich Piko ein. „So bin ich wenigstens sicher“, dachte er.
Doch weil Piko sich ständig einrollte, verpasste er auch vieles. Während die anderen Tiere spielten, Abenteuer erlebten und Freunde fanden, lag Piko oft eingerollt im Laub und traute sich nicht heraus. „Ich würde so gern mitspielen“, dachte er sehnsüchtig, wenn er die anderen lachen hörte. „Aber was, wenn etwas Schlimmes passiert?“
Eines Tages hörte Piko ein klägliches Piepsen aus der Nähe. Vorsichtig lugte er aus seiner eingerollten Kugel hervor. Ein kleines Mäuschen war in eine tiefe Spalte zwischen zwei Steinen gerutscht und kam nicht mehr heraus. „Hilfe“, piepste es. „Ich komme hier nicht raus!“ Piko sah, dass er der Einzige in der Nähe war. „Soll ich helfen?“, dachte er ängstlich. „Aber was, wenn etwas passiert?“
Piko zögerte. Sein erster Gedanke war, sich einfach wieder einzurollen und abzuwarten. Doch dann sah er das verängstigte kleine Mäuschen, und etwas in seinem Herzen sagte ihm: „Diesmal darfst du dich nicht verstecken. Diesmal musst du dich trauen.“ Piko atmete tief durch. „Ich komme!“, rief er und kletterte tapfer zu der Spalte hinüber.
Vorsichtig schob Piko seine Schnauze in die Spalte. „Halt dich an meinen Stacheln fest, kleines Mäuschen“, sagte er, „aber pass auf, dass du dich nicht piekst.“ Das Mäuschen griff vorsichtig nach Pikos Stacheln, und Piko zog sich langsam zurück, ganz behutsam, bis das Mäuschen aus der Spalte heraus und wieder im Freien war. „Geschafft!“, rief Piko.
„Du hast mich gerettet!“, piepste das Mäuschen dankbar. „Danke, lieber Igel! Das war so mutig von dir!“ Piko war ganz überrascht von sich selbst. Er hatte sich getraut – und nichts Schlimmes war passiert. Im Gegenteil, er hatte jemandem geholfen, und das fühlte sich wunderbar an. „Ich war mutig“, dachte er staunend. „Ich habe mich getraut.“
Da kam die weise alte Igeldame vorbei. „Das hast du großartig gemacht, Piko“, lobte sie. „Sich einzurollen ist gut, wenn wirklich Gefahr droht. Aber manchmal muss man sich trauen, herauszukommen und mutig zu sein. Heute hast du genau das getan.“ Piko strahlte. Er fühlte sich auf einmal viel mutiger und größer als zuvor.
Von diesem Tag an rollte sich Piko nicht mehr bei jeder Kleinigkeit ein. Natürlich machte er sich noch zur Kugel, wenn echte Gefahr drohte – aber bei einem raschelnden Blatt oder einem Schmetterling blieb er nun neugierig und offen. Und so konnte er endlich mit den anderen spielen, Abenteuer erleben und viele Freunde finden.
Am Abend, müde und glücklich, kuschelte sich Piko in sein warmes Laubnest. „Heute habe ich mich getraut“, dachte er stolz, „und jemandem geholfen.“ Die Sterne funkelten über dem Wald, ein milder Wind raschelte im Laub, und stolz auf seinen Mut schlief der kleine Igel Piko zufrieden ein. Schlaf gut, Piko. Gute Nacht.
