Wenn die kleine Emmi abends im Bett lag und das Nachtlicht brannte, erschien an der Wand etwas, das ihr Angst machte: ein großer, dunkler Schatten, der sich bewegte, wenn sie sich bewegte. „Da ist ein Ungeheuer an meiner Wand!“, rief Emmi ängstlich und zog sich die Decke über den Kopf.
Jeden Abend war der Schatten da, und jeden Abend fürchtete sich Emmi vor ihm. „Mama, an meiner Wand ist ein dunkles Ungeheuer!“, sagte sie. Mama kam ins Zimmer, setzte sich zu ihr und schaute zur Wand. „Oh, ich glaube, ich weiß, wen du da siehst“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln. „Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“
„Das ist gar kein Ungeheuer“, sagte Mama sanft. „Das ist dein eigener Schatten. Schau, das Nachtlicht scheint auf dich, und dein Schatten fällt an die Wand. Er macht genau das, was du machst.“ Emmi schaute unsicher. „Mein Schatten?“ „Probier es aus“, sagte Mama. „Heb einmal deine Hand.“
Vorsichtig hob Emmi die Hand – und der Schatten an der Wand hob ebenfalls die Hand. Emmi winkte, und der Schatten winkte zurück. „Oh!“, machte Emmi. „Er macht ja alles nach!“ Langsam wich ihre Angst der Neugier. „Das ist wirklich mein Schatten?“ „Ganz genau“, lächelte Mama. „Und er ist ein lustiger kleiner Freund.“
Emmi probierte allerlei aus. Sie formte mit ihren Händen einen Hasen, und an der Wand erschien ein Schattenhase mit langen Ohren. Sie machte einen Schmetterling, einen Hund, einen Vogel – und ihr Schatten zauberte all diese lustigen Figuren an die Wand. Emmi kicherte. „Das macht ja richtig Spaß!“
„Siehst du?“, sagte Mama. „Dein Schatten ist gar nicht gruselig. Er ist immer bei dir, am Tag und in der Nacht, und macht alles mit, was du tust. Er ist wie ein treuer Freund, der dich nie allein lässt.“ Emmi schaute ihren Schatten nun mit ganz anderen Augen an. Aus dem unheimlichen Ungeheuer war ein lustiger Spielgefährte geworden.
Von da an hatte Emmi keine Angst mehr vor ihrem Schatten. Im Gegenteil – jeden Abend spielte sie noch ein bisschen Schattentheater an der Wand, bevor sie einschlief. Sie zauberte Tiere und winkte ihrem Schatten gute Nacht. „Du bist mein Freund“, sagte sie zu ihm, und der Schatten winkte zurück.
An diesem Abend kuschelte sich Emmi ohne jede Angst in ihr Bett. Ihr Schatten lag friedlich neben ihr an der Wand. „Gute Nacht, lieber Schatten“, flüsterte sie und gähnte. Beruhigt und zufrieden schloss Emmi die Augen und schlief glücklich ein, ihr treuer Schattenfreund immer an ihrer Seite. Gute Nacht, kleine Emmi.
