Tief unten auf dem Grund des Meeres, in einer großen Höhle aus Korallen, wohnte ein Riesenkrake namens Okto. Okto hatte acht lange, kräftige Arme und sah dadurch ziemlich furchteinflößend aus. Wann immer er sich blicken ließ, schwammen die kleinen Fische erschrocken davon. „Vorsicht, der Riesenkrake!“, riefen sie. Dabei war Okto in Wahrheit sanft und freundlich.
Okto war sehr einsam. „Alle haben Angst vor mir“, seufzte er und ließ seine acht Arme traurig hängen. „Nur weil ich so groß bin und so viele Arme habe. Dabei möchte ich doch nur einen Freund haben.“ Allein saß er in seiner Korallenhöhle und schaute den fröhlichen Fischschwärmen in der Ferne zu.
Eines Tages geriet ein ganzer Schwarm kleiner Fische in große Not. Ein altes Fischernetz, das im Meer trieb, hatte sich um einen Felsen gewickelt und die Fische eingeschlossen. Sie zappelten verzweifelt, doch sie kamen nicht frei. „Hilfe!“, riefen sie. „Wir sitzen fest!“ Doch niemand war stark genug, das schwere Netz zu lösen.
Okto hörte die Hilferufe und schwamm sofort herbei. Die Fische erschraken, als sie den Riesenkraken sahen. „Habt keine Angst“, sagte Okto sanft. „Ich will euch helfen.“ Mit seinen acht geschickten Armen machte er sich an die Arbeit: Ein Arm hielt den Felsen, zwei zogen am Netz, weitere lösten vorsichtig die verhedderten Knoten.
Weil Okto so viele Arme hatte, konnte er an vielen Stellen gleichzeitig arbeiten. Behutsam und geduldig löste er Masche für Masche, bis das schwere Netz endlich aufging. Die kleinen Fische schossen befreit heraus. „Wir sind frei!“, jubelten sie. „Danke, lieber Krake! Ohne deine acht Arme hätten wir es nie geschafft!“
Die Fische schwammen fröhlich um Okto herum, ganz ohne Angst. „Du bist ja gar nicht furchterregend“, sagte ein kleiner Fisch. „Du bist freundlich und stark und hilfst uns. Und deine acht Arme sind großartig!“ Okto wurde ganz warm ums Herz. Zum ersten Mal sah jemand seine Arme nicht als beängstigend, sondern als etwas Wunderbares.
Von da an war Okto nicht mehr einsam. Die kleinen Fische besuchten ihn jeden Tag, und Okto half, wo er konnte: Er hob schwere Steine, baute Verstecke und schaukelte die Fischkinder sanft in seinen Armen. Alle im Meer mochten den freundlichen Riesenkraken nun, und Okto hatte endlich viele Freunde gefunden.
Am Abend, als das Meer ruhig und dunkel wurde, kuschelten sich die kleinen Fische zwischen Oktos sanfte Arme, sicher und geborgen. Okto lächelte zufrieden. „Meine acht Arme sind ein Geschenk“, dachte er glücklich, „und ich bin genau richtig, so wie ich bin.“ Sanft gewiegt von der Meeresströmung, schliefen alle friedlich ein. Schlaf gut, lieber Okto.
