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Der Fisch und der Vogel

Freundschaftab 5 5 Min.
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In einem klaren See lebte ein kleiner, silberner Fisch namens Flink. Flink kannte sein Zuhause genau: das kühle Wasser, die wiegenden Wasserpflanzen, das Sonnenlicht, das von oben durch die Oberfläche tanzte. Über dieser glitzernden Oberfläche aber lag eine andere Welt, die Flink nie betreten konnte – die Welt der Luft. Manchmal schaute er nach oben und fragte sich, wie es dort wohl sein mochte.

Hoch über dem See lebte eine kleine Schwalbe namens Lja. Lja liebte die Luft: den Wind unter ihren Flügeln, die Weite des Himmels, das schnelle Dahinsausen über Wiesen und Wälder. Doch unter der glitzernden Wasseroberfläche lag eine Welt, die Lja nie betreten konnte – die Welt des Wassers. Manchmal kreiste sie tief über dem See und fragte sich, was dort unten wohl verborgen lag.

Eines Tages stieg Flink ganz nah an die Oberfläche, gerade als Lja tief über das Wasser flog. Für einen winzigen Moment sahen sie einander – der silberne Fisch im Wasser und die kleine Schwalbe in der Luft, nur durch die glitzernde Oberfläche getrennt. „Hallo!“, rief Lja. „Hallo!“, blubberte Flink. Und obwohl ihre Welten so verschieden waren, spürten beide sofort: Hier ist jemand, mit dem ich gern Freund wäre.

Aber es gab ein Problem. „Ich kann nicht zu dir hinauf in die Luft“, sagte Flink traurig. „Dort würde ich nicht atmen können.“ „Und ich kann nicht zu dir hinunter ins Wasser“, sagte Lja. „Dort würden meine Flügel nass und schwer.“ Eine Weile schwiegen die beiden betrübt. Konnten zwei Wesen aus so verschiedenen Welten überhaupt Freunde sein? Doch dann sagte Lja entschlossen: „Wir geben nicht auf. Es muss einen Weg geben.“

Und sie fanden einen Weg. Jeden Tag trafen sie sich genau an der Grenze ihrer beiden Welten: Flink schwamm dicht unter die Oberfläche, und Lja setzte sich auf einen flachen Stein, der aus dem Wasser ragte, oder schwebte ganz tief darüber. So konnten sie miteinander reden, einander sehen und Geschichten austauschen – der eine aus der Tiefe des Wassers, die andere aus der Weite des Himmels.

Flink erzählte Lja von der Unterwasserwelt: von den geheimnisvollen Höhlen am Grund, von den schillernden Pflanzen, von den Lichtstrahlen, die durchs Wasser tanzten. Und Lja erzählte Flink von der Welt der Luft: von den Wolken, die wie Schäfchen über den Himmel zogen, von den fernen Bergen, von dem Gefühl, ganz frei durch den Wind zu segeln. Jeder zeigte dem anderen eine Welt, die dieser sonst nie hätte sehen können.

„Es ist, als hätte ich jetzt zwei Welten“, sagte Flink glücklich. „Meine eigene und deine.“ „Genauso geht es mir“, zwitscherte Lja. „Obwohl wir uns nie berühren können, sind wir die besten Freunde.“ Und tatsächlich – ihre Freundschaft wurde mit jedem Tag tiefer, gerade weil sie so verschieden waren und sich gegenseitig das Unbekannte schenkten.

Eines Tages aber war der See ungewöhnlich still, und das Wasser sank, denn es hatte lange nicht geregnet. Flink, der gerade in einer flachen Bucht nach Futter gesucht hatte, merkte zu spät, dass das Wasser dort fast verschwunden war. Er saß in einer winzigen, schrumpfenden Pfütze fest, abgeschnitten vom großen See. „Hilfe, Lja!“, blubberte er verzweifelt. „Ich komme nicht mehr ins tiefe Wasser zurück!“

Lja, die hoch oben kreiste, hörte den Hilferuf und schoss sofort herab. Sie sah die Lage und überlegte blitzschnell. „Halt durch, Flink!“, rief sie. Dann flog sie davon und kehrte gleich darauf mit anderen Schwalben zurück. Gemeinsam tauchten sie immer wieder ins tiefe Wasser, schöpften mit ihren Schnäbeln Tropfen und ließen sie in Flinks Pfütze fallen – wieder und wieder, bis genug Wasser zusammenkam, dass Flink sich zurück in den großen See retten konnte.

„Geschafft!“, blubberte Flink erleichtert, als er wieder im kühlen, tiefen Wasser schwamm. „Du hast mich gerettet, Lja! Du und deine Freunde aus der Luft habt einen Fisch im Wasser gerettet.“ Lja lachte. „Siehst du?“, zwitscherte sie. „Unsere Welten sind verschieden – aber genau deshalb konnte ich dir helfen. Was du allein nicht geschafft hast, haben wir gemeinsam geschafft, jeder aus seiner Welt.“

Von da an trafen sich der Fisch und die Schwalbe jeden Abend an der Grenze ihrer Welten, dort, wo das Wasser die Luft berührte. Wenn die Sonne unterging und sich der ganze rote Abendhimmel auf der stillen Wasseroberfläche spiegelte, war für einen Moment alles eins – der Himmel im Wasser, das Wasser unter dem Himmel. Und mittendrin die beiden Freunde, ganz nah beieinander.

„Gute Nacht, Lja, dort oben in der Luft“, blubberte Flink leise. „Gute Nacht, Flink, dort unten im Wasser“, zwitscherte Lja. Dann zog sich Flink in die ruhige Tiefe zurück, und Lja flog hinauf zu ihrem Nest. Und obwohl sie in verschiedenen Welten schliefen, der eine im Wasser, die andere in der Luft, waren ihre Herzen ganz nah beieinander. Schlaf gut, Flink. Schlaf gut, Lja. Gute Nacht.