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Der erste Schnee im Winterwald

Mut machenab 5 4 Min.
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Im Winterwald, wo die Tannen hoch in den Himmel ragen, wachte das kleine Reh Finn eines Morgens auf und traute seinen Augen nicht. Über Nacht war die Welt ganz weiß geworden. Eine dicke, glitzernde Decke lag über den Bäumen, den Sträuchern und dem Boden. „Was ist denn das?“, fragte Finn erschrocken und drückte sich an seine Mutter.

„Das ist Schnee, mein Kleiner“, sagte Mama Reh sanft. „Heute fällt zum ersten Mal Schnee in deinem Leben.“ Finn schaute hinaus. Alles sah so fremd aus. Kein vertrautes Grün, kein bekannter Weg – nur diese stille, kalte, weiße Welt. „Mir ist das unheimlich“, flüsterte Finn. „Ich möchte lieber drinnen bleiben.“

Mama Reh stupste ihn liebevoll an. „Ich verstehe, dass es dir fremd ist. Aber weißt du was? Manchmal versteckt sich hinter dem, was uns ein bisschen Angst macht, etwas ganz Wunderbares. Komm, wir schauen es uns zusammen an. Ich bin ja bei dir.“ Finn zögerte. Doch mit Mama an seiner Seite fasste er Mut.

Vorsichtig setzte Finn einen Huf nach draußen. Der Schnee knirschte leise. Knirsch, machte er, und Finn zuckte zusammen. Dann setzte er den zweiten Huf. Wieder dieses lustige Knirschen. Finn hielt inne. Eigentlich klang das gar nicht bedrohlich – eher ein bisschen lustig. Vorsichtig machte er einen weiteren Schritt, und noch einen.

Plötzlich segelte etwas Weißes, Weiches an seiner Nase vorbei. Eine Schneeflocke! Finn schaute nach oben, und da kamen sie – Hunderte, Tausende winziger Flocken, die langsam vom Himmel tanzten. Eine landete genau auf seiner Nasenspitze und schmolz mit einem feinen, kühlen Kitzeln. Finn musste niesen, und dann musste er lachen.

Er sprang ein Stück durch den Schnee, und überall stob das weiße Pulver auf wie funkelnder Zucker. „Mama, schau!“, rief er begeistert. „Ich mache Spuren!“ Hinter ihm zog sich eine Reihe kleiner Hufabdrücke durch den frischen Schnee. Finn drehte sich im Kreis, hüpfte und tollte, und seine Angst war wie weggeblasen.

Bald kamen auch andere Tiere heraus. Die Hasen schlugen Haken durch den Schnee, die Eichhörnchen schüttelten kleine Schneelawinen von den Ästen, und ein Fuchs zog elegante Spuren durchs Weiß. Der ganze Winterwald war auf einmal ein riesiger, glitzernder Spielplatz. Finn hatte noch nie etwas so Schönes gesehen.

Als die Sonne tiefer sank, färbte sie den Schnee in zartes Rosa und Gold. Müde und mit kalten Hufen, aber einem ganz warmen Herzen, kehrte Finn zu seiner Mutter zurück. „Du hattest recht“, sagte er. „Hinter dem, was mir Angst gemacht hat, war etwas Wunderschönes.“ Mama Reh lächelte stolz.

In ihrem warmen, geschützten Lager kuschelte sich Finn eng an seine Mutter. Draußen fiel der Schnee weiter, ganz leise und sanft, und deckte den Wald zu wie eine flauschige Decke. Finn gähnte zufrieden. „Morgen spiele ich wieder im Schnee“, murmelte er und schlief glücklich ein. Schlaf gut, kleiner Finn.