Im Wald lebte ein großer Bär namens Balduin, der den allerbesten Honigbaum weit und breit besaß. Tag für Tag schlemmte er den süßen Honig, ganz allein. „Mein Baum, mein Honig“, brummte er zufrieden. Wenn andere Tiere vorbeikamen und hungrig schauten, scheuchte er sie fort. „Sucht euch euren eigenen Honig!“
Die anderen Waldtiere fanden Balduin ziemlich geizig. „Er hat so viel und gibt nichts ab“, seufzten sie. Doch Balduin kümmerte das nicht. Er saß lieber allein an seinem Honigbaum und naschte. Freunde hatte er keine, aber das schien ihm egal – solange er seinen Honig hatte.
Doch dann kam ein langer, harter Winter, viel strenger als sonst. Der Honigbaum verlor seine Bienen, und der Vorrat schrumpfte schnell dahin. Eines Tages war Balduins Baum leer. „Oh nein“, brummte er. „Was soll ich jetzt nur essen?“ Hungrig stapfte er durch den verschneiten Wald, doch nirgends fand er etwas.
Schließlich, mit knurrendem Magen, kam Balduin zum Bau der Eichhörnchen. Beschämt klopfte er an. „Verzeiht“, brummte er leise, „ich habe großen Hunger. Hättet ihr vielleicht etwas zu essen für mich übrig?“ Er rechnete fest damit, fortgeschickt zu werden – so wie er es selbst immer getan hatte.
Doch die Eichhörnchen lächelten. „Aber natürlich, Balduin! Komm herein.“ Sie teilten ihre Nüsse und Beeren mit ihm, obwohl sie selbst nicht viel hatten. Auch die anderen Tiere brachten etwas: der Hase ein paar Wurzeln, der Specht getrocknete Beeren. Balduin war zu Tränen gerührt. „Aber ich war doch immer so geizig zu euch“, sagte er beschämt.
„Das macht nichts“, sagte das älteste Eichhörnchen. „Wenn einer in Not ist, helfen wir zusammen. So machen wir das im Wald.“ Balduin schämte sich für seinen Geiz und schwor sich, es von nun an besser zu machen. Die Wärme der Gemeinschaft tat ihm gut – viel besser als der einsame Honig je geschmeckt hatte.
Als der Frühling kam und Balduins Honigbaum wieder voller süßem Honig hing, lud Balduin alle Waldtiere zu einem großen Honigfest ein. „Kommt alle“, rief er fröhlich, „heute teilen wir!“ Und so saßen sie alle zusammen, naschten Honig und lachten. Balduin hatte noch nie so glücklich geschmeckt.
Von da an teilte Balduin seinen Honig immer mit allen, und aus dem einsamen Bären war der beliebteste Gastgeber des Waldes geworden. Am Abend kuschelte er sich zufrieden in seine Höhle, umgeben von neuen Freunden. „Teilen macht das Leben süß“, dachte er glücklich und schlief zufrieden ein. Schlaf gut, lieber Balduin.
