In einer ruhigen, türkisblauen Bucht lebte ein kleiner Delfin namens Mika. Am liebsten spielte er im flachen Wasser, wo die Sonne den Sandboden in goldenes Licht tauchte. Dort war alles sanft und sicher. Doch draußen, hinter dem Korallenriff, türmten sich die großen Wellen auf, hoch und schäumend, und genau davor hatte Mika ein bisschen Angst.
Die anderen jungen Delfine liebten die Wellen. Mit Anlauf sprangen sie hindurch, drehten sich in der Luft und tauchten lachend wieder ein. „Komm doch mit, Mika!“, riefen sie. Aber Mika blieb im ruhigen Wasser zurück und tat so, als hätte er gerade keine Lust. In Wahrheit klopfte sein Herz schon beim bloßen Anblick der hohen, weißen Wellenkämme.
„Mama“, sagte Mika abends, „ich glaube, ich bin nicht mutig. Die Wellen sind mir zu groß.“ Seine Mutter schwamm näher und stupste ihn sanft. „Weißt du, mein Kleiner“, sagte sie, „mutig sein heißt nicht, keine Angst zu haben. Mutig sein heißt, etwas zu tun, obwohl man Angst hat. Der Mut kommt erst, wenn man ihn am meisten braucht.“
Am nächsten Morgen hörte Mika ein feines Wimmern. Es war Pino, der allerkleinste Delfin der Bucht. Sein Lieblingsstein, eine glatte, glänzende Muschel, war von der Strömung über das Riff hinausgetragen worden, hinaus zu den großen Wellen. „Sie ist weg“, schluchzte Pino. „Und ich trau mich nicht da raus.“
Mika schaute zum Riff. Die Wellen sahen aus wie immer: groß und schäumend. Sein Bauch zog sich zusammen. Doch dann blickte er in Pinos traurige Augen, und auf einmal war da etwas, das stärker war als seine Angst. „Ich hole sie dir“, sagte Mika leise. „Ich versuch es.“
Mit klopfendem Herzen schwamm er zum Riff hinaus. Die erste Welle rollte heran, hoch und mächtig. Mika holte tief Luft und tauchte hindurch, so wie er es bei den anderen gesehen hatte. Unter Wasser war es plötzlich ganz still und ruhig. „Ich kann das ja“, dachte er staunend, als die Welle über ihn hinwegglitt.
Welle um Welle tauchte er nun, und langsam begriff er ihren Rhythmus, das Heben und Senken des Meeres. Da glitzerte etwas auf dem Sandgrund: Pinos Muschel. Mika schnappte sie vorsichtig und ließ sich von der nächsten Welle sanft zurück über das Riff tragen, wie auf einem weichen, schaukelnden Kissen.
„Du hast sie!“, jubelte Pino und drehte sich vor Freude im Kreis. Die anderen Delfine kamen herbeigeschwommen und klatschten mit ihren Flossen aufs Wasser. Mika strahlte. Er hatte solche Angst gehabt – und war trotzdem hindurchgeschwommen. Genau das, verstand er jetzt, hatte seine Mama gemeint.
Als der Abend kam und das Meer ganz ruhig und dunkel wurde, kuschelte sich Mika neben seine Mutter. Die Wellen rauschten nun ganz leise in der Ferne, wie ein sanftes Schlaflied. „Ich war heute mutig“, flüsterte Mika zufrieden und schloss die Augen. Und während das Meer ihn weich hin und her wiegte, schlief der kleine Delfin glücklich ein. Schlaf gut, Mika.
