In der weiten, blauen Bucht war große Aufregung: Heute fand das große Wettschwimmen statt. Einmal um die Felseninsel herum und zurück – wer zuerst ankam, gewann eine glänzende Perlmuschel. Die kleine Delfindame Emma war die schnellste in ihrer Gruppe, und sie wollte unbedingt gewinnen. „Die Perlmuschel gehört mir“, sagte sie selbstbewusst.
„Auf die Plätze, fertig, los!“, rief der alte Delfin, der das Rennen leitete. Wie ein Pfeil schoss Emma los. Sie schwamm schneller als alle anderen und lag bald weit vorne. Der Wind pfiff an ihren Ohren vorbei, das Wasser spritzte, und die Felseninsel kam schon in Sicht. „Ich gewinne!“, jubelte sie in Gedanken.
Doch als sie um die Felsnase bog, hörte sie ein leises Wimmern. Es war Ben, ein junger Delfin aus dem Rennen. Er hatte sich in einer Strömung verfangen, die ihn immer wieder gegen die scharfen Felsen drückte. „Hilfe“, rief er ängstlich. „Ich komme hier nicht raus!“
Emma stoppte. Vor ihr lag der Weg zum Sieg, frei und offen. Hinter ihr steckte Ben in der Klemme. Die anderen Schwimmer waren noch weit zurück. „Wenn ich jetzt umkehre, gewinne ich bestimmt nicht“, dachte Emma. Doch dann schaute sie in Bens verängstigtes Gesicht, und sie wusste sofort, was sie zu tun hatte.
„Ich komme, Ben!“, rief sie und schwamm zurück. Mit aller Kraft stemmte sie sich gegen die Strömung und schob Ben Stück für Stück aus dem gefährlichen Sog heraus, hinaus ins ruhige Wasser. „Geschafft“, schnaufte sie. Ben zitterte noch ein wenig. „Danke, Emma“, sagte er leise. „Du hast deinen Sieg für mich aufgegeben.“
In diesem Moment zogen die anderen Delfine an ihnen vorbei dem Ziel entgegen. Emma kam als Letzte an. Die glänzende Perlmuschel ging an einen anderen. Doch als der alte Delfin hörte, was geschehen war, schwamm er zu Emma und sagte mit lauter Stimme, dass alle es hörten: „Heute hat zwar ein anderer die Muschel gewonnen. Aber den größten Mut und das größte Herz hatte Emma.“
Die anderen Delfine umringten Emma und klatschten mit ihren Flossen aufs Wasser. „Du hast Ben gerettet!“, riefen sie. Emma wurde ganz warm ums Herz. Sie hatte das Rennen verloren – und fühlte sich trotzdem wie eine Siegerin. „Es ist schöner, jemandem zu helfen, als allein als Erste anzukommen“, sagte sie und lächelte.
Ben schwamm zu ihr und drückte ihr etwas in die Flosse: einen kleinen, glatten Stein, der im Licht schimmerte. „Den habe ich am Felsen gefunden“, sagte er. „Er ist nicht so glänzend wie die Perlmuschel. Aber er kommt von Herzen.“ Emma strahlte. Dieser kleine Stein war ihr mehr wert als jede Muschel.
Am Abend, als die Bucht ruhig wurde und die Sterne über dem Wasser erschienen, hielt Emma ihren kleinen Stein fest und kuschelte sich in ihr weiches Algenbett. „Heute habe ich das Wichtigste gewonnen“, dachte sie zufrieden, „einen Freund.“ Das Meer wiegte sie sanft, und glücklich schlief die kleine Delfindame Emma ein. Schlaf gut, Emma.
