Das junge Wölfchen Kim war sehr eigensinnig. „Ich kann alles allein“, sagte es stolz und wollte von niemandem Hilfe annehmen. Wenn das Rudel gemeinsam auf die Jagd nach Beeren und Wurzeln ging, lief Kim lieber für sich. Wenn die anderen zusammen ruhten, suchte sich Kim einen eigenen Platz. „Ich brauche das Rudel nicht“, behauptete es.
Die alte Leitwölfin beobachtete Kim nachdenklich. „Ein Wolf ist stark“, sagte sie eines Tages. „Aber ein Rudel ist viel stärker. Wir passen aufeinander auf, wir teilen, was wir finden, und wir wärmen uns gegenseitig in kalten Nächten. Allein ist ein Wolf verloren.“ Kim aber schüttelte stur den Kopf. „Ich komme allein zurecht“, brummte es und lief davon.
An diesem Tag streifte Kim allein durch den Wald, immer weiter, bis es den Weg zurück nicht mehr fand. Der Wald wurde dunkel und kalt, und ein eisiger Wind kam auf. Kim fror erbärmlich und hatte Hunger, denn allein hatte es kaum etwas zu fressen gefunden. „Mir ist so kalt“, jammerte es und kauerte sich zitternd unter einen Baum. „Und ich finde nicht nach Hause.“
Zum ersten Mal merkte Kim, wie schwer es war, ganz allein zu sein. Es gab niemanden, der es wärmte, niemanden, der den Weg kannte, niemanden, der ihm half. „Vielleicht“, dachte Kim kleinlaut, „hatte die Leitwölfin doch recht. Vielleicht brauche ich das Rudel doch.“ Eine kleine Träne kullerte über seine Schnauze.
Da hörte Kim in der Ferne ein vertrautes Geräusch: das Heulen seines Rudels! Die anderen hatten bemerkt, dass Kim fehlte, und suchten nach ihm. „Hier bin ich!“, heulte Kim, so laut es konnte. Und bald tauchten aus der Dunkelheit die warmen, vertrauten Gestalten seines Rudels auf. „Da bist du ja!“, rief die Leitwölfin erleichtert. „Wir haben dich überall gesucht.“
Das Rudel umringte das frierende Wölfchen und wärmte es mit ihren warmen Körpern. Jemand brachte ihm etwas zu fressen, jemand leckte sein zerzaustes Fell. Kim spürte die Wärme und Geborgenheit des Rudels, und ihm wurde ganz warm ums Herz. „Ihr habt mich gesucht“, sagte es gerührt. „Obwohl ich so eigensinnig war.“
„Natürlich haben wir dich gesucht“, sagte die Leitwölfin sanft. „Du gehörst zu uns. Im Rudel lässt niemand den anderen allein.“ Kim schämte sich für seinen Stolz. „Es tut mir leid“, sagte es. „Ich dachte, ich bräuchte niemanden. Aber allein war ich verloren und einsam. Jetzt weiß ich: Zusammen sind wir viel stärker.“
Von diesem Tag an war Kim ein richtiges Rudelmitglied. Es half bei der Suche nach Futter, teilte, was es fand, und kuschelte sich nachts dicht an die anderen. Und es merkte, dass es im Rudel viel glücklicher war als allein. „Gemeinsam ist alles schöner und leichter“, sagte Kim, „und niemand muss frieren oder hungern.“
Am Abend, satt und warm, kuschelte sich Kim mitten ins Rudel, umgeben von all den warmen, vertrauten Gefährten. „Ich gehöre dazu“, dachte es glücklich und dankbar. Der Mond leuchtete silbern über dem Wald, ein kühler Wind strich durch die Bäume, doch mitten im warmen Rudel war Kim mollig geborgen und schlief zufrieden ein. Schlaf gut, Kim. Gute Nacht.
