Am Ufer eines breiten, träge dahinfließenden Flusses lebte ein großes Krokodil namens Kroko. Mit seinem langen Maul voller spitzer Zähne und seiner schuppigen Haut sah Kroko furchterregend aus, und alle Tiere fürchteten sich vor ihm. Sobald er auftauchte, stoben die Vögel davon und die Affen flüchteten in die Bäume. Dabei war Kroko in Wahrheit gar nicht gefährlich – er war einsam und traurig, weil sich niemand traute, ihm nahezukommen.
Besonders quälte Kroko etwas ganz Alltägliches: Zwischen seinen vielen Zähnen blieben immer Essensreste hängen, und er konnte sie selbst einfach nicht entfernen. Das tat weh und juckte, doch niemand half ihm. „Wer würde sich auch in ein Maul voller Zähne trauen?“, dachte Kroko traurig und legte sich seufzend in den warmen Schlamm am Ufer.
Eines Tages aber landete ein winziger Vogel namens Pieps am Flussufer, ganz in Krokos Nähe. Pieps war neu hier und kannte die schaurigen Geschichten über das Krokodil noch nicht. Neugierig hüpfte er näher. „Hallo“, zwitscherte er fröhlich. „Warum schaust du so traurig?“ Kroko war so überrascht, dass jemand mit ihm sprach, dass er einen Moment lang gar nichts sagen konnte.
„Hast du denn keine Angst vor mir?“, fragte Kroko schließlich vorsichtig und öffnete ein wenig sein großes Maul. Pieps schaute hinein und legte den Kopf schief. „Angst? Wovor denn?“, sagte er. „Du siehst ja gar nicht böse aus. Aber – oh! – zwischen deinen Zähnen steckt überall Essen fest. Das muss ja unangenehm sein.“ Kroko seufzte. „Das ist es“, sagte er. „Aber ich komme nicht heran, und niemand traut sich, mir zu helfen.“
Da hatte der kleine Pieps eine Idee. „Weißt du was?“, zwitscherte er. „Ich bin klein und flink und habe einen feinen Schnabel. Ich könnte deine Zähne sauber picken! Halt einfach dein Maul ganz still offen.“ Kroko traute seinen Ohren kaum. „Du würdest das tun? Du würdest dich in mein Maul trauen?“ „Aber sicher“, sagte Pieps. „Wozu sind Freunde da?“ Und ganz vorsichtig hüpfte der mutige kleine Vogel in das offene Krokodilsmaul.
Geschickt pickte Pieps mit seinem feinen Schnabel alle Essensreste zwischen Krokos Zähnen heraus, ganz sanft und gründlich. Kroko hielt brav still und rührte sich nicht, denn um nichts in der Welt hätte er seinem neuen Freund wehtun wollen. Als Pieps fertig war, hüpfte er wieder heraus. „So!“, zwitscherte er zufrieden. „Jetzt sind deine Zähne blitzsauber.“ Kroko klappte das Maul zu und seufzte erleichtert. „Oh, wie gut das tut! Es juckt und schmerzt gar nicht mehr. Danke, lieber Pieps!“
Von diesem Tag an waren Kroko und Pieps die besten Freunde. Jeden Tag kam der kleine Vogel vorbei, putzte Krokos Zähne und erzählte ihm dabei die neuesten Geschichten vom Fluss. Und Kroko bot Pieps dafür den sichersten Platz weit und breit: Auf Krokos breitem Rücken konnte Pieps sich ausruhen, und kein Räuber wagte es, dem kleinen Vogel auch nur nahezukommen, solange er beim großen Krokodil saß.
Die anderen Tiere am Fluss staunten. „Schau nur“, flüsterten sie, „der winzige Vogel sitzt im Maul des Krokodils, und es passiert ihm nichts!“ Nach und nach verstanden sie: Kroko war gar nicht gefährlich. Er war freundlich und sanft, man hatte ihn nur immer für furchterregend gehalten, weil er groß war und spitze Zähne hatte. „Man darf eben nicht vom Aussehen auf das Herz schließen“, sagte Pieps weise zu den anderen.
Eines Tages geriet Pieps in Gefahr. Eine hungrige Schlange hatte sich an ihn herangeschlichen, als er gerade am Ufer nach Körnern suchte. „Pieps, pass auf!“, rief Kroko. Blitzschnell – so schnell, wie sich ein so großes Tier nur bewegen kann – schob sich Kroko zwischen Pieps und die Schlange und fauchte so beeindruckend, dass die Schlange erschrocken davonglitt. „Du hast mich gerettet!“, zwitscherte Pieps. „Natürlich“, sagte Kroko. „Du putzt meine Zähne, ich passe auf dich auf. So machen das Freunde.“
So half einer dem anderen, jeder auf seine Weise: der winzige Vogel mit seinem feinen Schnabel, das große Krokodil mit seiner Kraft. Und keiner von beiden war je wieder einsam. Wenn am Abend die Sonne golden über dem Fluss versank und die Frösche ihr Abendlied quakten, lagen die beiden Freunde gemütlich am warmen Ufer beisammen.
Pieps machte es sich auf Krokos breitem, warmem Rücken bequem, wie auf der sichersten Insel der Welt. „Gute Nacht, großer Kroko“, zwitscherte er leise. „Gute Nacht, kleiner Pieps“, brummte das Krokodil sanft und schloss zufrieden die Augen. Der Fluss plätscherte leise dahin, die Sterne spiegelten sich auf dem Wasser, und ein warmer Wind strich über das Ufer.
Und während die Nacht sich sanft über den Fluss legte, schliefen das große, gefürchtete Krokodil und der winzige, mutige Vogel friedlich nebeneinander ein – zwei so verschiedene Wesen, die zu den treuesten Freunden geworden waren. Schlaf gut, Kroko. Schlaf gut, Pieps. Gute Nacht.
