schlummerdrache.de – Gute-Nacht-Geschichten

Das Faultier und der ungeduldige Affe

Freundschaft · Gefühle (Wut/Angst)ab 5 4 Min.
Schrift

Im Regenwald lebte ein junger Affe namens Zippo, der immer in Eile war. Er sauste von Ast zu Ast, schlang sein Essen hinunter und konnte keine Minute stillsitzen. „Schnell, schnell, weiter, weiter!“, war sein Lieblingsspruch. Sein bester Freund war ausgerechnet das gemütlichste Tier des ganzen Waldes: das ruhige Faultier Mo.

„Komm, Mo, beeil dich!“, drängelte Zippo ständig. „Wir verpassen sonst alles!“ Mo aber blieb gelassen. „Was verpassen wir denn?“, fragte es ruhig. „Na, alles!“, rief Zippo aufgeregt und zappelte. „Es gibt so viel zu tun und so wenig Zeit!“ Mo schaute seinen Freund nachdenklich an. „Du wirkst auf mich gar nicht glücklich, Zippo“, sagte es sanft. „Eher gehetzt und müde.“

Zippo hielt einen Moment inne. „Ich … ich bin tatsächlich oft müde“, gab er zu. „Und gestresst. Aber ich kann doch nicht einfach langsam machen! Dann verpasse ich etwas!“ Mo lächelte. „Weißt du was?“, sagte es. „Komm einmal mit mir. Nur für einen Nachmittag. Und mach genau das, was ich mache. Ganz langsam. Ich zeige dir etwas.“

Zippo war skeptisch, aber weil Mo sein bester Freund war, willigte er ein. Sie kletterten gemächlich – für Zippo unerträglich langsam – zu einem ruhigen Ast hoch über dem Fluss. „Und jetzt?“, fragte Zippo ungeduldig und zappelte. „Jetzt“, sagte Mo, „setzen wir uns einfach hin, atmen ruhig und schauen.“ Zippo verdrehte die Augen, aber er machte mit.

Anfangs fiel es Zippo schwer. Seine Beine zappelten, und er wollte sofort wieder lossausen. Doch Mo sagte nur ruhig: „Atme tief ein und langsam aus. Schau dich um.“ Zippo atmete und schaute. Und langsam, ganz langsam, wurde er ruhiger. Und auf einmal bemerkte er Dinge, die er in seiner Eile nie gesehen hatte.

Er sah, wie das Abendlicht golden durch die Blätter fiel. Er hörte das sanfte Plätschern des Flusses und das Lied der Vögel. Er roch den süßen Duft der Blüten. Ein bunter Schmetterling setzte sich ganz nah auf einen Ast neben ihn. „Oh“, flüsterte Zippo staunend. „Das ist ja wunderschön. Das habe ich noch nie bemerkt.“

„Siehst du?“, sagte Mo sanft. „Das alles war die ganze Zeit da. Du bist nur immer zu schnell daran vorbeigesaust, um es zu sehen. Manchmal muss man innehalten, um das Schöne zu bemerken.“ Zippo nickte langsam. Er fühlte sich auf einmal viel ruhiger und glücklicher als nach all dem Hetzen. „Ich war so beschäftigt, dass ich das Leben verpasst habe“, sagte er nachdenklich.

Von diesem Tag an lernte Zippo, öfter einmal innezuhalten. Er sauste nicht mehr den ganzen Tag herum, sondern setzte sich manchmal einfach zu Mo, atmete ruhig und genoss den Augenblick. Er war nicht mehr so gehetzt und müde, sondern viel fröhlicher und gelassener. „Danke, Mo“, sagte er. „Du hast mir beigebracht, das Leben zu genießen.“

Am Abend saßen die beiden Freunde gemütlich beieinander und schauten dem Sonnenuntergang zu, ganz ohne Eile. „Das ist viel schöner als hetzen“, sagte Zippo zufrieden und gähnte. Mo lächelte. Die Sterne erschienen über dem Regenwald, ein lauer Wind strich durch die Blätter, und ruhig und gelassen schliefen das gemütliche Faultier und der nun viel ruhigere Affe nebeneinander ein. Schlaf gut, ihr beiden. Gute Nacht.