Hoch oben in den Bäumen des grünen Regenwaldes lebte ein kleines Faultier namens Sami. Sami machte alles ganz, ganz langsam. Es kletterte langsam, es aß langsam, und es bewegte sich so gemächlich, dass man kaum sah, ob es sich überhaupt rührte. Die anderen Tiere des Regenwaldes aber hatten es immer eilig. Sie sausten, hetzten und rannten den ganzen Tag.
„Schneller, Sami, schneller!“, riefen die Affen, wenn sie an ihm vorbeiflitzten. „Du bist viel zu langsam! So verpasst du ja das ganze Leben!“ Sami aber lächelte nur gemütlich. „Ich verpasse gar nichts“, sagte es ruhig. „Im Gegenteil – weil ich langsam bin, sehe ich viel mehr.“ Die Affen schüttelten den Kopf und sausten weiter.
Eines Tages war im Regenwald große Aufregung. Alle Tiere rannten aufgeregt durcheinander. „Schnell, schnell!“, riefen sie. „Wir müssen die schönste Blume des Waldes finden, bevor die Sonne untergeht!“ Affen, Papageien und Nasenbären sausten kreuz und quer, hetzten an allem vorbei und suchten fieberhaft. Doch in ihrer Eile übersahen sie die Blume immer wieder.
Sami hingegen tat, was es immer tat: Es bewegte sich ganz langsam und schaute dabei genau hin. Während die anderen vorbeihetzten, betrachtete Sami in aller Ruhe jeden Ast, jedes Blatt, jede Knospe. Und weil es so genau und gemächlich schaute, entdeckte es sie schließlich: die schönste Blume des Waldes, die versteckt in einer Astgabel blühte, leuchtend und herrlich.
„Ich habe sie gefunden!“, rief Sami mit seiner ruhigen Stimme. Die anderen Tiere kamen außer Atem herbeigesaust. „Wo? Wie hast du sie gefunden?“, fragten sie staunend. „Wir sind doch viel schneller als du!“ Sami lächelte. „Gerade weil ich langsam war“, sagte es. „Ihr seid so schnell an allem vorbeigehetzt, dass ihr die Blume übersehen habt. Ich aber hatte Zeit, genau hinzuschauen.“
Die Tiere wurden ganz nachdenklich. „Vielleicht“, sagte ein Affe langsam, „ist Schnellsein gar nicht immer das Beste.“ Sami nickte. „Manchmal“, sagte es, „sieht man die schönsten Dinge erst, wenn man langsam macht und genau hinschaut. Probiert es doch mal aus.“ Und so setzten sich die hektischen Tiere zum ersten Mal ganz ruhig hin und schauten sich in aller Ruhe um.
Und sie staunten. Auf einmal sahen sie all die Schönheit des Regenwaldes, an der sie sonst immer vorbeigehetzt waren: die glitzernden Tautropfen, die bunten Schmetterlinge, die zarten Blüten. „Das ist ja wunderschön“, flüsterten sie. „Das haben wir in unserer Eile nie bemerkt.“ Sami lächelte zufrieden.
Von diesem Tag an nahmen sich die Tiere des Regenwaldes öfter Zeit, langsam zu machen und genau hinzuschauen. Und Sami, das gemütliche Faultier, schämte sich nie wieder für seine Langsamkeit. Im Gegenteil – es war stolz darauf. „Jeder hat sein eigenes Tempo“, sagte es. „Und meins ist genau richtig für mich.“
Am Abend, als die Sonne über dem Regenwald unterging, hing Sami gemütlich an seinem Lieblingsast und betrachtete in aller Ruhe den herrlichen Sonnenuntergang. „Was für ein schöner Tag“, dachte es zufrieden. Die ersten Sterne erschienen am Himmel, ein lauer Wind strich durch die Blätter, und ganz ohne Eile, ganz gemächlich, schlief das kleine Faultier Sami glücklich ein. Schlaf gut, Sami. Gute Nacht.
