Tief im Wald, wo die ersten Sonnenstrahlen den Boden wärmten, wohnte die kleine Blumenfee Mella. Den ganzen langen Winter über hatte sie geschlafen, eingekuschelt in eine warme Blütenknospe. Doch nun kitzelte ein warmer Sonnenstrahl ihre Nase, und Mella erwachte. „Es ist so weit!“, rief sie aufgeregt. „Heute darf ich zum allerersten Mal den Frühling wecken!“
Mellas Großmutter, eine erfahrene Frühlingsfee, hatte ihr diese wichtige Aufgabe anvertraut. „Flieg hinaus auf die Wiese, mein Kind“, hatte sie gesagt, „und wecke die schlafenden Blumen mit deinem Feenzauber. Aber sei geduldig und liebevoll. Blumen lassen sich nicht hetzen.“ Mella nickte voller Eifer und flatterte hinaus auf die noch graue, winterliche Wiese.
Die Wiese sah müde und braun aus. Überall schliefen die Blumen noch tief unter der Erde. Mella war so aufgeregt, dass sie gleich loslegen wollte. Sie schwang ihren kleinen Zauberstab und rief: „Aufwachen, alle zusammen, schnell, schnell!“ Doch nichts geschah. Die Wiese blieb grau und still. „Hm“, dachte Mella. „So geht es wohl nicht.“
Da fielen ihr die Worte ihrer Großmutter ein: geduldig und liebevoll. Mella holte tief Luft. Sie flog zu einem kleinen Fleck, wo ein Schneeglöckchen schlief, kniete sich nieder und flüsterte ganz sanft: „Guten Morgen, liebes Schneeglöckchen. Der Winter ist vorbei. Komm, wach ganz langsam auf, die Sonne wartet schon auf dich.“ Und ganz behutsam berührte sie die Erde mit ihrem Zauberstab.
Langsam, ganz langsam, schob sich ein zartes grünes Spitzchen aus der Erde, dann ein weißes Blütenglöckchen, das sich vorsichtig öffnete. „Oh, wie schön!“, freute sich Mella. Das Schneeglöckchen läutete leise und dankte ihr. Mella verstand: Mit Geduld und liebevollen Worten ging es viel besser als mit Hast.
Von Blume zu Blume flog Mella nun. Bei jeder hielt sie inne, flüsterte einen freundlichen Gruß und weckte sie ganz sanft. Ein gelbes Krokusblümchen reckte sich der Sonne entgegen. Ein veilchenblaues Veilchen öffnete schüchtern seine Blüte. Eine ganze Reihe Tulpen streckte nacheinander die Köpfe aus der Erde. Mella nahm sich für jede einzelne Zeit.
Es dauerte den ganzen Tag, aber das machte Mella nichts aus. Mit jeder Blume, die erblühte, wurde die Wiese ein Stückchen bunter und schöner. Bald leuchtete sie in Gelb, Weiß, Violett und Rosa, und ein herrlicher Blütenduft erfüllte die Luft. Die Bienen kamen summend herbei, die Schmetterlinge tanzten, und die ganze Wiese erwachte zu fröhlichem Leben.
Am Abend, als die Sonne golden unterging, betrachtete Mella stolz ihr Werk. Die einst graue Wiese war nun ein blühendes Blumenmeer. Ihre Großmutter kam herbeigeflogen und strahlte. „Wunderbar hast du das gemacht, mein Kind“, lobte sie. „Du warst geduldig und liebevoll, und schau nur, wie prächtig der Frühling erwacht ist.“ Mella war glücklich und stolz.
Müde, aber zufrieden, kuschelte sich Mella in eine frisch erblühte Tulpe, die ihr ein weiches, duftendes Bettchen bot. „Ich habe den Frühling geweckt“, dachte sie glücklich und gähnte. Über der blühenden Wiese funkelten die ersten Sterne, ein lauer Frühlingswind wiegte die Blüten sanft, und zufrieden mit ihrem schönen Werk schlief die kleine Blumenfee Mella ein. Schlaf gut, Mella. Gute Nacht.
